«Wie heute Geld angelegt wird, ist unverantwortlich»

Impressum: Interview von Peter Burkhardt mit Klaus Wellershoff – Artikel in Sonntag, 4. Juli 2010, Seite 18. Download Artikel als pdf.

Der frühere Spitzenbanker und jetzige Wirtschaftsberater Klaus Wellershoff wirft der Finanzindustrie vor, die Altersvorsorge an den Abgrund zu führen. Und er warnt vor den USA.

Herr Wellershoff, die Angst vor einer zweiten Rezession lässt die Börsen weltweit purzeln. Der Schweizer Leitindex SMI ist in dieser Woche auf ein Jahrestief gefallen. Wird er noch weiter absacken?

Klaus Wellershoff: Die laufende Korrektur ist noch nicht abgeschlossen. Die Weltaktienmärkte beginnen, ihren eigenen Glauben an den Aufschwung zu hinterfragen. Sie sind von Gewinnzuwächsen von 25 Prozent für die nächsten zwölf Monate ausgegangen. Jetzt erscheinen diese Werte viel zu hoch.

Ist der Sinkflug des SMI ein Vorzeichen, dass die Schweizer Wirtschaft einen erneuten Einbruch erleben wird?

Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Samuelson hat einmal gesagt, der Aktienmarkt habe neun der letzten fünf Rezessionen perfekt vorhergesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Droht weltweit eine zweite Rezession?

Zurzeit denke ich eher, dass die Sanierung der Staatshaushalte deutlich tiefere Wachstumsraten erzwingen wird, aber keine Rezession. In praktisch allen Ländern stützt die Kauflust der Privathaushalte und die Investitionslust der Unternehmen die Konjunktur. Die grosse Gefahr ist aber, dass die Stimmung wegen der riesigen Staatsverschuldung in den USA, in Grossbritannien und in Europa ins Negative dreht.

Sollen die Anleger jetzt alle Aktien abstossen und Obligationen kaufen?

Um Himmels willen, nein. Wir leben in Zeiten aussergewöhnlich tiefer Zinsen. Und das heisst, dass Obligationen über die nächsten Jahre mit grosser Wahrscheinlichkeit negative Renditen bringen. Trotzdem raten die Banken ihren Kunden immer noch, Obligationen zu kaufen. Die Art und Weise, wie heute Geld angelegt wird, ist unverantwortlich.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie als Beispiel die Strategiefonds des Marktführers, der UBS. Je risikoscheuer Sie als Kunde anlegen möchten, desto mehr Obligationen bekommen Sie. Im konservativsten Portfolio sind fast 100 Prozent Obligationen drin. Auch die Pensionskassen und Lebensversicherer halten gezwungenermassen einen viel zu hohen Grad an Obligationen, weil ihnen das der Staat vorschreibt. Da laufen wir sehenden Auges in eine ganz schwierige Situation hinein.

Wie meinen Sie das?

Frankenobligationen werden auf dem jetzigen Zinsniveau nicht das Resultat erbringen können, das man braucht, um die Altersrenten zu finanzieren. Die Politik muss reagieren und die Anlagevorschriften für Pensionskassen und Lebensversicherungen lockern. Sonst droht eine Krise grossen Ausmasses in der Altersvorsorge, vielleicht sogar eine grössere als die letzte Finanzkrise. Dann geht es nicht nur um eine Bank, sondern um das Volksvermögen der Pensionskassen und damit um die Stabilität unserer Gesellschaft.

Was raten Sie den jetzt Dreissig- bis Fünfzigjährigen bezüglich Vorsorge?

Nehmen Sie Ihr Schicksal selber in die Hand! Die Finanzindustrie schläft.

Der Euro ist auf ein Rekordtief von 1.30 Franken gefallen. Wird er weiter sinken?

Ich glaube nicht, dass wir uns grosse Sorgen machen müssen, dass das viel weiter geht als 1.25. Ein Wechselkurs von 1.10 oder gar eine Euro-Franken-Parität erscheint praktisch nicht möglich. Voraussetzung dafür wäre eine ganz grosse Rezession in der Schweiz, und die sehen wir nicht.

Erwarten Sie umgekehrt eine Erholung des Euros? Ist eine Rückkehr auf 1.50 Franken realistisch?

Ja, wenn man die Kaufkraftparitäten anschaut, dann liegt der fundamental gerechtfertigte Wechselkurs bei 1.46, mit Abweichungen von 10 bis 15 Prozent nach oben und nach unten. Wir wissen, dass die Schwankungsbreite diesen 15-Prozent-Korridor praktisch nie verlassen hat. Längerfristig werden wir also wieder einen stärkeren Euro sehen.

Der prominente Ökonom Walter Wittmann schlägt zum Schutz unserer Exportwirtschaft trotzdem vor, dass die Schweiz den Franken an den Euro bindet oder ihn sogar übernimmt.

Warum das vorteilhaft sein soll, erschliesst sich mir nicht. Die Schweiz gehört sicher nicht in den Währungsraum, zu dem Griechenland und Portugal gehören. Das würde ja bedeuten, dass wir unsere Geldpolitik ganz einseitig an Europa und seiner Konjunktur orientieren müssten. Die eigenständige Geldpolitik hat uns geholfen, die extrem solide Wirtschaftsentwicklung zu haben, die wir erleben.

Sehen Sie die Lage der Schweiz nicht zu rosig? Die wichtigsten Handelspartner schwächeln – das muss doch zu negativen Folgen für uns führen.

Ich bin optimistischer als Sie. Die Schweiz ist ein absoluter Krisengewinnler. Im Wettbewerb mit den anderen hat die Krise dazu geführt, dass die Schweiz besser dasteht. Das ist ja auch einer der Gründe, warum der Wechselkurs so stark ist. Das Land wächst, wir haben Zuwanderung von hoch qualifizierten Arbeitskräften. Das stärkt unsere Fähigkeit, hier zu operieren. Selbst aus der Finanzkrise geht der Finanzplatz meines Erachtens gestärkt hervor.

Viele Länder haben riesige Staatsschulden angehäuft. Von welchen Ländern geht die grösste Gefahr aus?

Lassen Sie es mich so sagen: Im Euroland sind die Verschuldungsprobleme katastrophal, in Grossbritannien noch grösser als im Euroland und in den USA grösser als in Europa. Die Amerikaner haben die Europäer in der Verschuldungsquote dieses Jahr überholt. Dadurch, dass sie bis jetzt keinen glaubwürdigen Defizitreduktionsplan vorgelegt haben, stehen sie schlechter da als die Griechen. In dem Moment, wo die Finanzmärkte das realisieren, droht der Weltwirtschaft grosse Gefahr.

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