Von einer freiheitlichen, starken Säule zum staatlich versteuerten Wurmfortsatz

Impressum: Artikel von Herbert Brändli, Geschäftsführer der B+B Vorsorge AG, 17. Juli 2001

BVG-Märchenbibel

Es war einmal … eine unbiblische Geschichte

Vor vielen Jahren, als die Arbeitstage noch viel länger dauerten, die Lebensarbeitszeiten voll genutzt wurden und keine staatlichen Sozialnetze die Erde überzogen, da hat manch ein Scheff erkannt, dass es für ihn vorteilhaft wäre, auch für diejenigen Mitarbeiter zu sorgen, die nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen. Sie sannen nach Möglichkeiten, das Wohlbefinden von Alten und Kranken am Arbeitsplatz zu steigern. Alsbald versammelten sie sich, gingen hin und richteten Fürsorgekassen ein. Als dann in Zeiten der Industrialisierung und Binnenmigration die traditionellen Beziehungen zwischen Mehrgenerationenfamilien geschwächt oder aufgelöst wurden, freuten sich die Arbeitnehmer über die gewonnenen Sicherheiten am Arbeitsplatz.

Immer mehr Betriebsherren sahen, dass das gut war und sie begannen systematisch Pensionskassen einzurichten und auszubauen. Die Kunde hievon erscholl durch alle umliegenden Orte, so dass auch die Gesetzeslehrer deren Wert erkannten. Sie merkten, dass dem Gemeinwesen eine grosse finanzielle Last für soziale Hilfen abgenommen wurde, die bislang ihre Steuerschatulle gelöchert hatte. Also priesen sie die neue Ordnung und brüteten über Mittel und Wege zur Stärkung und Verbreitung des Pensionskassenwesens.

So geschah es, dass ein Drei-Säulen-System geschaffen und das Volk aufgeklärt wurde: der Staat wird fundieren, der Betrieb soll darauf bauen und für das Dach, da müsst ihr selber schauen. Und sie schrieben das in ihre Bücher, dass ein jeder, der einer Arbeit nachgeht und dafür einen Mindestlohn bezieht, sich bei einer beruflichen Vorsorgeinrichtung einschreiben und dieser Beiträge zahlen muss. Wenn der Boss und seine Mitarbeiter sich den Obolus zur Hälfte teilen, dürfen sie ihn von der Einkommenssteuer in Abzug bringen und auch die Kassen wurde von der Pflicht zur Steuerabgabe befreit.

Als dies die Volksscharen hörten staunten sie sehr. Sie liefen zusammen, zogen hin und füllten die Kassen. Work-, State-, Stake-, Share- und Stockholders und viele andere Profitöre frohlockten und freuten sich.Am meisten frohlockten aber die Steuervögte und rieben sich die Hände. Denn insgeheim haben sie ausgerechnet, dass dereinst ein grosser Geldsegen über sie hereinbrechen wird, wenn sie mit ihren Säcken bei den Pensionsbezügern vorbeikommen werden. Das Prophetenwort der Vorzugssteuersätze wird die Gelder reichlich fliessen lassen und dank der Anlage in den Kassen werden die Steuereintreiber uneingeschränkten Zugriff auf die Mehrungen der Vermögen haben.

Die allseits ersehnten, starken Wertsteigerungen durch Zins und Zinseszinsen werden ihre Geduld und das Warten reichlich lohnen. Vorübergehende Steuerersparnisse der Beitragszahler werden sich wundersam vermehren und beim späteren Leistungsfluss zu ihren Gunsten wandeln. Und die Kassenführer werden alles fein säuberlich in ihren Büchern festhalten und der Steuerverwaltung Bericht erstatten, so dass ihre Diener nur noch die Säcke hinhalten und sagen müssen: effatha, will sagen: öffne dich. Auch scharenweise und gierig umhergehende Allfinanzberater hatten Gefallen an dieser Geldvermehrung. Sie fanden es toll, lachten sich den Ranzen voll und riefen: Steuern sparen, das ist geil! – das Raten beliessen sie bei diesem Teil – und die eingezahlten Millionen mehrten ihre Provisionen.

Auch der Rat des Bundes vernahm die Frohbotschaft und fortan stand er mit seinen Dreifüssen auf die drei Säulen, die ihm von Osten bis Westen und Norden bis Süden allseits grosse Bewunderung und Lobpreisung verschafften. Er wollte sie darum sein Eigen nennen. Besonderes Wohlgefallen fand er an der zweiten Säule, die zunahm an Eleganz und Kraft. Sie stand frei und strotzte vor Gesundheit und ihre stetig wachsende Finanzkraft liess sich zudem gut für anderes missbrauchen. top ↑

Der Rat wollte sie daher unter seine Fittiche nehmen und vermachte diesen fetten Hecht seinem weiblichen Geschlecht. Die Auserkorene versammelte ihren höchsten Diener im Halbkreis um sich und gebot ihm dafür zu sorgen, dass links aussen nichts anbrennt. Dieser pillerte fortan landauf-landab und sagte jedem, der es hören wollte, dass diese Säule tragender Teil seines Sozialen Staates sei. Er predigte Wein und füllte altes Wasser in neue Schläuche, getreu nach seiner Devise: Ich werde guggen – sie sollen tuggen. Er wollte immer mehr über immer weniger wissen und die Buchführer und Revisoren mussten ihm alles berichten. Er verschickte ihnen unendlich grosse Bögen, gefüllt mit Wesentlichem, Unwesentlichem, Gross- und Kleingeschriebenem – zum Ausfüllen.

Die Verwalter ergrimmten darob sehr, knirschten mit den Zähnen und opferten immer mehr Zeit und Geld zur Befriedigung des obersten Aufsehers. Das ging soweit, dass auch die Mitglieder der Schreiberzunft aufmerksam wurden und über ihre Taten berichteten. So stand denn geschrieben, dass die Kosten der Verwaltung sprunghaft angestiegenen waren und sie verlangten mit beredtem Wort sofortige Besserung.

Daneben verbreiteten sie die Kunde von Einsturzgefahren und Schäden an der Säule, verursacht durch das Unwesen bekannter Tunichtgute und Frevler, die unter den Versicherten Furcht und Schrecken verbreiteten. Das Volk lief erschreckt zusammen, wehklagte von Angst gepeinigt und verlangte vom Amt des Bundes Schutz und Rundes zur Wiedergutmachung. Es wurde mit Reparaturforderungen eingedeckt und in Bern herrschte darob Heulen und Zähneknirschen. Die Verursacher, Aufpasser und Getreuen wiesen Schuld und Forderungen weit von sich und wollten sich entlasten mit den Worten: ihr wisset weder das Jahr, den Monat, den Tag noch die Stunde. Sie wollten sich von ihrer besten Seite zeigen und übersahen dabei, dass viele darauf sassen.

Die Angst vor Räubertum und Missbrauch war gross, das Misstrauen wuchs und der Staat versprach die Auswüchse zu bekämpfen. Aber die Schatullen waren leer und Manna musste sofort her. Die Finanzen waren aus den Fugen und bei Regierungen und Gesetzeslehrern der verschiedensten Art bestand grosse Unklarheit darüber, wem was gehört. Demoralisiert und verunsichert suchten und trafen sie sich mit Schriftgelehrten und Bauchbewehrten am runden Tisch.

Daselbst entwarfen sie ein Programm, um sich selbst und die anderen wieder zu stabilisieren. Sie tauschten ihre Karten und steckten sich unter und über dem Tisch Trümpfe zu. Aber niemand vertrat die Lehre der Weisen. Die Versammelten frohlockten zuweilen im Übermass, bis sie saturiert und bis zum Umfallen müde wieder von dannen zogen. Erst viel später, nachdem die Winde verrauscht und die Räusche ausgeschlafen waren, hat auch das Volk davon erfahren und seine Sachverständigen befragt. Diese erkannten, dass grosser Unsinn beschlossen und direkt in die Bücher geschrieben worden ist. Ihre Rufe aber wurden nicht mehr gehört und das Geschehen nahm seinen traurigen Lauf. Gleiches hat sich später wieder zutragen. So wurden die Pensionskassen nicht nur zu Effektenhändlern, sondern auch in den staatlichen Schoss befördert. Und die Steuervögte nutzten das. Sie sprachen von Angemessenheit, Planmässigkeit und Kollektivität, meinten aber Macht, Steuermaximierung und Disziplinierung der Versicherten. Sie plauderten von Solidarität und wussten weder von wem noch für wen. Im Einklang mit den obersten Säulen-Wächtern beraubten sie fortan die berufliche Vorsorge ihrer Freiheiten und Stärken. Von denen aber steht geschrieben, sie werden dereinst in den Feuerofen geworfen werden. top ↑

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