Arbeiten, aber bitte gesund!

Impressum: Autor ist Heike Diermann (Details) – Artikel in Schweizer Personalvorsorge, 20. Januar 2012. Link Schweizer Personalvorsorge

 

Umfassendes Betriebliches Gesundheitsmanagement

Langfristiges Agieren statt kurzfristiges Reagieren ist die Devise von ganzheitlichem Betrieblichem Gesundheitsmanagement. Alle können profitieren: der arbeitende Mensch, die Arbeitgeber und nicht zuletzt die Versicherungen. Es geht darum, Menschen mit einer gesundheitlichen Einschränkung zu betreuen, vor allem aber gesundheitliche Probleme zu verhindern. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt. 

Ein grosser Teil gesundheitlicher Probleme wäre durch gezielte Interaktionen vermeidbar. Oft sind diese Probleme auf Stress zurückzuführen. Druck im Job, keine Zeit, zu wenig personelle Ressourcen und sogar noch in der Freizeit Verpflichtungen nach dem Motto: schneller, besser, weiter. Oftmals werden zur Arbeit benötigte Geräte oder Maschinen durch regelmässige Wartung und Pflege besser behandelt als die eigenen Ressourcen, und dies nicht nur am Arbeitsplatz.

Gemäss Seco-Studie 20101 fühlt sich jeder dritte Arbeitnehmende in der Schweiz häufig bis sehr häufig bei der Arbeit gestresst. Die Folgen von Stress kosten viel Energie, Zeit und vor allem viel Geld, nämlich weit über 4 Mrd. Franken jährlich in der Schweiz. Da stellt sich die Frage, wie sich unsere Gesellschaft und unsere Betriebe künftig auch um die anderen vermeidbaren Erkrankungsformen kümmern werden.

Gesundheit steigert Produktivität

Eine Studie von booz&co 20112 zeigt unter anderem den aktuellen Wissensstand von Forschung und betrieblicher Praxis in Deutschland. Demnach könnten Unternehmen mithilfe von geeigneten Präventionsmassnahmen die Krankheitskosten senken und die Mitarbeitendenproduktivität steigern. Rund 76 Prozent der Ausfälle, die durch chronische Erkrankungen entstehen, könnten durch gezielte Prävention verhindert werden. Das sind beeindruckende Zahlen.

Gezielte Prävention

Aber wie funktioniert gezielte Prävention in Betrieben? In der Zwischenzeit haben schon einige grössere Betriebe Betriebliches Gesundheitsmanagement eingeführt. Es scheint sozusagen «en vogue», Programme zur Gesundheitsförderung anzubieten. Das sind wirklich gut gemeinte Angebote, die bei den Mitarbeitenden auch ankommen. Wenn man genauer hinschaut, laufen aber einige dieser Programme am eigentlichen Ziel vorbei, und der gewünschte nachhaltige Effekt bleibt aus.

Für gezielte Präventionsprogramme braucht es den Willen der gesamten Führungsetage eines Unternehmens, sich der Ist-Situation in Bezug auf Arbeit und Gesundheit im Betrieb zu stellen. Dabei ist ein richtig professionell eingesetztes Absenzenmanagement die Wiege der künftigen präventiven Massnahmen. Kommunikation und Führung des Mitarbeitenden während und nach der Absenz stellen in diesem Zusammenhang ein wichtiges Werkzeug dar.

Absenzenmanagement

Das Absenzenmanagement beinhaltet auch die Analyse und Auswertung von Kurz- und Langzeitabsenzen. Daraus ergeben sich Sensibilisierung und systematische Auseinandersetzung mit krankheitsund unfallbedingten Arbeitsausfällen.

Die möglichen Gründe können so näher beleuchtet und logische Ableitungen hinsichtlich möglicher vorbeugender Massnahmen getroffen werden. Hierbei sind vor allem Kurzzeitabsenzen ein bemerkenswerter Faktor. Immer noch oftmals vernachlässigt, können sie frühzeitige Hinweise auf mögliche Langzeitabsenzen geben und viel über die Befindlichkeit der menschlichen Ressource im wahrsten Sinne des Wortes aussagen.

Mit präventiven Massnahmen sprechen wir den grössten Teil der Arbeitnehmenden an, die Gesunden. Führen Sie sich eine Firma mit 500 Angestellten und einer Absenzquote von beispielsweise 5 Prozent vor Augen. Diese 5 Prozent entsprechen 25 kranken Mitarbeitenden, um die sich in der Regel das ganze System des Gesundheitsmanagements dreht. Was passiert nun mit den restlichen 475 Mitarbeitenden? Es geht bei ganzheitlicher Betrachtung auch um diesen Rest der (noch) arbeitenden Gesellschaft (siehe auch Kasten).

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang das Damoklesschwert «Präsentismus», das über unserer Arbeitswelt schwebt. Präsentismus meint die nicht oder nur zum Teil eingebrachte Leistung anwesender Mitarbeitenden, aufgrund latent vorhandener gesundheitlicher Probleme. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um ein Phänomen, dessen Wurzeln in einer Gesellschaft mit einem sehr hohen Leistungsniveau liegen.

Verbindliche Berechnungen liegen zwar nicht vor, jedoch zeigen Studien auf, dass so enorm viel Zeit und Geld verloren gehen. Ein ganzheitliches betriebliches Gesundheitsmanagement hat daher die Ursachen und Folgen von Präsentismus ebenfalls im Blickfeld.

Case-Management

Auch das beste gelebte Gesundheitsmanagement kann die Entstehung von Krankheiten beziehungsweise das Geschehen von Unfällen nicht ganz abwenden. In diesen Fällen kommt das Case-Management zum Einsatz. Es hilft erkrankten und verunfallten Menschen in komplexen Situationen, sich nachhaltig wieder in den Berufsalltag zu integrieren. Dabei werden alle Prozesse und Schnittstellen koordiniert und gesteuert. Interessante Zahlen rechtfertigen dieses Instrument. Gemäss einer Studie der Boston Consulting Group3 könnten in der Schweiz jährlich 120 Mio. Franken Leistungskosten eingespart werden, würden alle komplexen krankheits- und unfallbedingten Rentenanträge mittels Case-Management-Ansatz bearbeitet.

Gesundheitsmanagement ist auch Sache der beruflichen Vorsorge

Betrachtet man das Gesagte aus Sicht der beruflichen Vorsorgeinstitutionen, so müssen diese ein immenses Interesse daran haben, dass Unternehmen Betriebliches Gesundheitsmanagement praktizieren. Mehr noch sind sie aufgefordert, die Betriebe in den entsprechenden Bemühungen zu unterstützen.

Lange Zeit hielt sich die 2. Säule im Hintergrund und kümmerte sich um die Kerngeschäfte Tod, Alter und Invalidität. Langzeitkranke oder potenzielle IV-Rentner wurden nicht aktiv betreut. Es erfolgte lediglich die Abstützung auf Entscheidungen der Invalidenversicherungen.

Die zunehmenden Kosten, die neuen Bestimmungen und Vorgehensweisen im Sozialversicherungsbereich sowie auch gesellschaftliche Veränderungen wie die demografische Entwicklung, Zunahme von Stress und psychischen Erkrankungen müssen zum Paradigmenwechsel führen. Die 2. Säule nimmt damit eine aktive Rolle ein und wird zum Mitspieler im sozialen Gefüge. Gesundheitsmanagement nicht nur für Grossbetriebe und -Verdiener Viele Versicherungen werben mit Betrieblichem Gesundheitsmanagement. Instrumente werden angeboten, Seminare, Beratungen und Workshops für die potenziellen Kunden.

Nebst den unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Anbieter besteht das breite Angebot heute besonders für grössere Firmen. Kleine und mittlere Unternehmungen fallen dabei aber oftmals durch die Maschen. In kleineren Unternehmen existieren weniger Ressourcen in struktureller und finanzieller Hinsicht. Hier gilt es diese Firmen zu befähigen, damit sie das notwendige Wissen um die theoretischen und praktischen Zusammenhänge zwischen Arbeit und Gesundheit erhalten und in der Lage sind, die erforderlichen Stellen zu aktivieren und Ansprechpartner für das weitere Vorgehen zu haben, sei es im Krankheits- oder Unfallfall, aber auch im präventiven Bereich. Es geht daneben aber auch um Kooperationen und Erfassung der vorhandenen Ressourcen im System, wozu unter anderem auch berufliche Vorsorgeinstitutionen gehören.

Eine Sammeleinrichtung für KMU wollte herausfinden, was KMU in Bezug auf Arbeit und Gesundheit beschäftigt, und hat deshalb im Frühjahr 2011 die B+B Vorsorge AG beauftragt, eine Umfrage bei den angeschlossenen Betrieben zu lancieren. Die wichtigsten Themen sind demnach Stress, demografische Entwicklung sowie gesundheitsförderliches Führen.

Abschliessend lässt sich sagen, dass betriebliche Gesundheitsförderung in Zukunft mehr Gewicht bekommen wird und diesbezüglich wohl bald auch bei den härtesten Rechnern und Zweiflern in den Führungsetagen «der Fünfer fallen» wird. Begleitet hoffentlich von der Erkenntnis, dass wirtschaftliches, ethisches und menschliches Handeln auch in einer schnelllebigen Zeit Hand in Hand gehen können. Ganz nach dem Motto: Arbeiten, aber bitte gesund!

1 Seco-Studie 2010, Stress bei Schweizer Erwerbstätigen.
2 booz&co-Studie 2011, Vorteil Vorsorge.
3 Boston Consulting Group, Studie 2010, Case Management und seine strategische Bedeutung für Versicherer. 

Heike Diermann ist Leiterin Risk-Health Management, B+B Vorsorge AG, Thalwil

 

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