Steigbügelhalter für Versicherungen

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne) am 5. August 2011.

 

Gepeinigt von der Abstimmungsschlappe zum Umwandlungssatz beschleunigt der Bundesrat mit der Strukturreform den Umstieg von KMU in grosse Versicherungseinrichtungen. Den Arbeitnehmern erweist er damit einen Bärendienst.

 

Mit seinen eigenbrötlerischen Verordnungen beschleunigt Sozialminister Didier Burkhalter den 1985 eingeläuteten Wandel von Selbsthilfeorganisationen zu Versicherungsgesellschaften und lässt den Prozess von seinem Parteikollegen Pierre Triponez überwachen. Der Oberaufseher war im Gewerbeverband und Nationalrat als strammer Verfechter der Interessen der Versicherungswirtschaft bekannt. Mit der Förderung der Versicherer Jet auf Kosten der unabhängigen Sammelstiftungen untergraben Bundesrat und Bundesverwaltung ohne gesetzliche Legitimation die berufliche Altersvorsorge.

 

Bereits bei Einführung des BVG haben die Lebensversicherer geklagt, dass sie die minimal geforderten Erträge nicht beibringen können. Mittlerweile sind nur noch zehn Gesellschaften im Geschäft. Im Verlangen nach gleich langen Spiessen mit den Pensionskassen haben sie zusätzliche Kosten von 2,3 Prozent vom verwalteten Vermögen vorgerechnet und schliesslich mit der Lancierung der Rentenklaudebatte in Bern massiv Druck auf allgemeine Leistungsreduktionen (Zins- und Umwandlungssatz) gemacht, der letztlich zur epochalen Abstimmungsschlappe des Bundesrats geführt hatte. Der ungünstige Einfluss der Rückversicherungen auf Pensionskassen wird jetzt in einer Untersuchung über die Vermögensverwaltungskosten bestätigt.

 

Die Studie beschränkt sich auf Kostenaspekte und zeigt, dass schweizerische Pensionskassen im internationalen Vergleich und gegenüber Privaten für die Verwaltung ihrer Vermögen vorteilhafte Preise aushandeln. Kein Kraut ist allerdings gegen die staatliche Abschöpfung mit Stempelsteuern gewachsen - ein grundsätzlicher Widerspruch zur verfassungsmässig geforderten fiskalischen Förderung der beruflichen Altersvorsorge, der dringend einer Korrektur bedarf.

 

Die Stempelsteuern und viele indirekte Kosten werden von den Vorsorgeeinrichtungen in den Betriebsrechnungen nicht ausgewiesen, weil sie in den gekauften Produkten stecken, mit denen sie Wertschöpfung betreiben. Die Studie schafft diesbezüglich Transparenz und zeigt - Anlagespezialisten längst bekannte – Kostenunterschiede für die gängigsten Werkzeuge, welche die Pensionskassen bei der Suche nach ihren besten Risiko-Kosten-Ertrag-Eigenschaften erwerben. Einfachere, nur auf die Kosten fixierte Gemüter haben in der Folge bereits ein generelles Verbot von teuren Produkten verlangt, unbesehen von ihrer Wirkung auf die Performance.

 

Gegen die staatliche Abschöpfung mit Stempelsteuern ist kein Kraut gewachsen.

Die Betrachtung der Nettoperformance ist aber entscheidend und stellt Versicherungen ein ganz schlechtes Zeugnis aus. Dennoch wurde für diese noch kein Verbot gefordert, obwohl längst bekannt ist, dass man bei diesen Produkten - wenn schon - auf Seite der Aktionäre stehen muss. Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Vermögensverwalter, hat beispielsweise mit Beteiligungen an Versicherungsgesellschaften die Basis für ein enorm rentierendes Vermögen gelegt. Sein Erfolg gründet auf dem negativen Risiko-Kosten-Ertrag-Verhältnis für die Versicherungsnehmer. Die Studie bestätigt, dass die Versicherer ihre (nominellen) Garantien perfekt kaschieren und sich unter diesem Deckmantel das irre «Versprechen auf reale Kaufkraftverluste» von den Pensionskassen vergolden lassen.

 

Dabei werden im Kapitel über die Kosten der Rückversicherung lediglich die Verwaltungs- und Betriebskosten und die versteckten Vermögensverwaltungskosten beleuchtet. Auch nach dieser Aufdeckung sind die Versicherer weiter «Black Boxes». Verborgen bleibt, dass etliche ihre Verwaltungs-,

Vermittlungs- und Verkaufskosten mit den einverlangten Prämien nicht einspielen und mit Anlageerträgen quersubventionieren. Hinzu kommen, bevor die Pensionskassen bedient werden, Boni des Managements und Gewinnausschüttungen an Aktionäre. Die für die Rechnungslegung getrimmten

Anlageerträge sind für viele Lebensversicherer die einzige Gewinnquelle, sagt Jon Hocking, Versicherungsanalyst bei Morgan Stanley in London: «Die Gewinne werden durch Anlageerträge, die in den Bilanzen der Lebensversicherungen stehen, generiert.» Für die Verteilung der Bilanzerträge sind im obligatorischen Bereich garantierte Zinsen und im Übrigen die Überschussquotenregelung massgebend. Für den Versicherer kommen Reserven und Profite aus Absicherungsgeschäften, beispielsweise für Nominalwertgarantien und den gesetzlich geforderten Teuerungsausgleich, hinzu.

 

Ihre Aktiven müssen Versicherer primär in schwankungsarme, sogenannt risikolose Anlagevehikel investieren, die momentan mit sehr hohen Ausfallrisiken behaftet sind. Das niedrige Zinsniveau schränkt den Handlungsspielraum stark ein. Ein Vergleich der wichtigsten Anbieter zeigt über die vergangenen fünf Jahre Anlagerenditen zwischen zwei und drei Prozent.

 

Das niedrige Zinsniveau schränkt den Handlungsspielraum stark ein.

Diese Werte dürften auf Jahre hinaus nicht besser werden, insbesondere wenn die erwartete allgemeine Teuerung einsetzt. Die Vermögen werden zudem volatiler, sobald die Versicherer unter dem Regime von «Solvency 2>i zu Marktwerten bilanzieren müssen. Gleichzeitig mit der schlechten Ertragslage nehmen die operativen Margen für Verwaltung und Verteilung ab. Negative Ausgabenmargen müssen zu Lasten der Versicherungsnehmer direkt aus den erzielten Erträgen ausgeglichen werden. Und auch die technischen Margen für die Todesfall- und Invaliditätsrisiken dürften in den roten Bereich drehen, falls die im erwähnten Pensionskassenvergleich publizierten Dumpingpreise umgesetzt werden. Bei schwindenden Reserven müssen künftig auch diese Risiken direkt mit laufenden Erträgen abgesichert werden.

 

Die Klagen der Versicherer, dass sie nach Abgeltung der Eigenbedürfnisse die minimalen Anforderungen im BVG nicht erfüllen können, sind mehr als begründet. Pensionskassen mit Vollversicherungen bezahlen die (laufend reduzierten) Nominalwertgarantien mit systematischen Realwertwertverlusten. Der Bund schuldet den KMU und ihren Arbeitnehmern Rechenschaft, warum er trotzdem Versicherungen privilegiert behandelt und unverblümt bevorzugt.

 

Herbert Brändli kommentiert für Stocks aktuelle Entwicklungen in der eidgenössischen Vorsorgepolitik und ist Betriebswirtschafter sowie Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Verwaltungsratspräsident der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten.

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