Lang lebe das Langleberisiko

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne), 26. November 2010. Link stocks.

Mit den Bestimmungen zur anstehenden Strukturreform bringt der Staat die berufliche Vorsorge vollständig unter seine Kontrolle. Dabei bewegt er sich im beschränkten engen BVG-Modell und lässt den Pensionskassen keinen Raum mehr für innovative, unternehmerische Entwicklungen, womit diese bis anhin für ihre Eigner materiell und zeitlich ausreichende Renten erarbeitet haben.

Dank steigendem Wohlstand und verbesserter Gesundheit sterben Schweizer Arbeitnehmer alle 10 Jahre durchschnittlich 1 Jahr später. Freiheitlich organisierte Pensionskassen produzierten darum Jahr für Jahr anstandslos entsprechend längere Renten. Dieser selbsttätig umgesetzte Verfassungsauftrag wird mit dem BVG systematisch unterlaufen. Mit der staatlichen Enteignung der Pensionskassenvermögen, die mit der anstehenden Strukturreform abgeschlossen wird, fällt die automatische Verlängerung der Altersrenten dahin. An ihrer Stelle haben Staatsadlaten die abnehmende Sterblichkeit zum Langleberisiko erhoben. Seither droht Pensionskassen Gefahr, dass zu spät sterbende Versicherte Unterdeckungen zurücklassen.

Darob haben Versicherer ein neues einträgliches Geschäftsfeld geortet. Mit Hilfe von standardisierten Indices werden Langleberisiken handelbar gemacht und in eine neue Anlageklasse für Institutionelle befördert. Von Regierungen und Vereinigungen, wie der Life & Longevity Markets Association (LLMA) in England, fordern sie die Entwicklung und Förderung von Märkten zur Verbriefung dieser Risiken. Mit Longevity Bonds wollen sie die drohende Unterschätzung der Lebenserwartung absichern. Nach Vorbild der Verpackungskünstler für Ramschhypotheken werden Langleberisiken mit Zinsrisiken gebündelt, verpackt und in Form von Swaps dem Kapitalmarkt weitergegeben.

Bei der aktuellen Zinsmisere werden potentielle Investoren diese vereinigten Langlebe- und Zinsrisiken dankbar in ihr Anlageportfolio nehmen. Das wird eine sichere Sache mit zweifellos hohem Rating und ist für Pensionskassen von ganz speziellem Reiz: Risiken, die sie auf der Passivseite ausgelagert haben, können sie auf der Aktivseite wieder hereinnehmen. Mit diesem perfekten Matching von Vermögen und Verpflichtungen schaffen sie spielend den ökonomischen Deckungsgrad. Ökonomisch steht dabei für die Wirtschaftlichkeit mit welcher der Staat den vereinnahmten Pensionskassen mit seinen Anleihen möglichst unauffällig und billig Substanz entzieht.

Ein Ausbau des einträglichen Versicherungsgeschäfts ist denkbar, werden doch Schweizer nicht nur alle Dekaden um 1 Jahr älter sondern auch um 1 cm grösser. Die Bekleidungsindustrie könnte also auf die Produktion grösserer Kleider verzichten und die bisherigen Grössen versichern. Mann dürfte sich dann an immer längeren Beinen und einer stark verbesserten Transparenz freuen, die das kleine Schwarze, geschmückt mit einer Langwuchsrisikopolice, von Jahr zu Jahr attraktiver aussehen lässt. Transparenzverbesserungen, einhergehend mit Kostensenkungen, ergäben sich auch aus einer Diversifikation von Langrisiken in die Transportindustrie. Beispielsweise könnten Piloten dank Langflugrisikoversicherungen auf Sprit für Zusatzschlaufen und Ausweichrouten verzichten. Die Versicherer würden auch dieses todsichere Risiko dem Kapitalmarkt anvertrauen, solange ihre Marge stimmt.

Mit der Aufnahme der Langwuchs- und Langflugrisiken in die Sozialversicherung und einer staatlich verordneten Absicherung könnten das Langleberisiko unter Kontrolle gebracht und beträchtliche Rentenkosten eingespart werden. Und weil dann vor allem gut verdienende und reiche Versicherte eher zu früh als zu spät sterben, wäre die Verstaatlichung und Ausblutung der Pensionskassen auch sozial gerechtfertigt. Zielführender und chancenreicher wäre es allerdings, den Pensionskassen ihre Freiheiten zurückzugeben mit dem Auftrag wieder längere Renten zu produzieren.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

 

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