Technischer Zinssatz

Weg von Versicherungen, näher zum Markt

Impressum: Herbert Brändli in der AWP Nr. 6, 5. April 2006.

Die Redaktion hat zur Verbesserung der Online-Lesbarkeit einige Abschnitte zusätzlich als Kasten hervorgehoben.

Die Rückkoppelung unseres Bundesrats mit Europa hat einmal mehr vorzüglich funktioniert. Der Internationale Währungsfonds (IMF) hat die pessimistische Beurteilung von Pensionskassen unkritisch übernommen und im diesjährigen Länderexamen moniert, dass in der Schweiz mit zu hohen technischen Zinsen operiert und die Lebenserwartung unterschätzt würde. Der IMF folgert daraus, dass das System insgesamt mehr am Markt orientiert und besser beaufsichtigt werden sollte.

Im Markt überwacht jeder verantwortungsbewusste Unternehmer seine Aktivitäten und Erwartungen anhand tatsächlicher Entwicklungen. Er korrigiert den Gang seiner Geschäfte auf Grund von Erfahrungen. Pensionskassen handeln anders. Sie verlassen sich bei der Verwaltung ihrer Vermögen auf ihre Experten. Diese wiederum bauen ihre Prognosen und Ratschläge gerne auf früher gemachte Prognosen auf. Die Realität wird dabei oft ausgeblendet. Einsichten aus der laufenden Praxis sind eher verpönt. So verkündet die Schweizerische Kammer der Pensionskassen-Experten:

«Auf der Grundlage der Vergangenheitsbetrachtung lassen sich keine Prognosen über zukünftige Renditen machen.»

Schweizerische Kammer der Pensionskassen-Experten

Diese Behauptung, mittlerweile ein geflügeltes Wort unter Experten, wird nicht wahr durch ständiges Wiederholen. Sie hindert aber Pensionskassen an einem marktgerechten Verhalten.

Die Treffsicherheit von Prognosen der Anlagegurus ist bekanntlich und immer wieder äusserst mager. Es gibt in diesem Bereich keine besseren Anhaltspunkte als Erfahrungen. Auch der ausgewiesene Anlageexperte Professor Erwin Heri hat bisher nichts Besseres gefunden und festgestellt, dass        top ↑

«… noch niemand schlüssig widerlegen konnte, warum die letzten 200 Jahre kein guter Massstab sein sollen, was in den nächsten Jahren an den Finanzmärkten passieren wird».

Professor Erwin Heri

Er ist davon überzeugt, dass die Geschichte den Weg weist.

Die Bank Pictet hat den Blick zurück gewagt und in einer Langzeitstudie untersucht, wie der Markt gespielt hat. Sie hält Pensionskassen den Spiegel hin und demonstriert, was sie gut gemacht haben und was verpasst wurde. Über eine sehr lange Periode konnten praktisch alle möglichen ökonomischen Szenarien beobachtet werden. Der lange Zeitraum eliminiert die Gefahr, dass einzelne Vorkommnisse wie die Weltwirtschaftskrise, die Rezession der Sechziger, die Ölkrise oder der IT-Bubble überbewertet werden.       top ↑

Aufgrund der Marktbeobachtung zwischen 1925 und 2005 hat die Bank Pictet festgestellt, dass

  • Aktien im Schnitt eine Jahresperformance von 10,1 Prozent aufwiesen
  • Aktien gegenüber Obligationen im Jahresdurchschnitt rund 5,5 Prozent besser rentierten
  • die Erträge von Aktien mit einer aktiven Strategie noch entscheidend verbessert werden können
  • das Risiko von Obligationen seit 1925 ständig zugenommen hat, während dasjenige von Aktien ungefähr konstant blieb
  • das Risiko von Aktien aus nomineller und realer Sicht etwa gleich ist, während Obligationen real gesehen wesentlich risikoreicher sind als nominal
  • die Möglichkeiten von realen Wertverlusten bei Aktien und Obligationen fast gleich sind
  • das Risiko der Wertschwankungen relativ ist, vom zeitlichen Anlagehorizont abhängt und für langfristige Anleger wie Pensionskassen unbedeutend ist.

Folgerichtig sollen Pensionskassen ihr Aktienengagement möglichst ausbauen und eine langfristig ausgerichtete, antizyklische Politik verfolgen.

Die statistische Evidenz für ein langfristiges Kalkül lässt den mit Verspätung eingebrachten Beitrag der Schweizerischen Kammer der Pensionskassen-Experten zur Bemessung des Umwandlungssatzes in einem schiefen Licht erscheinen. Nachdem für die Experten der technische Zins von 4 Prozent über ein Jahrhundert das Mass aller Dinge war, gibt sie heute einen Satz zwischen 2,7 und 3,7 Prozent vor. Das steht in krassem Widerspruch zur beobachteten Marktentwicklung. Die Abstützung auf das aktuell tiefe Zinsniveau kommt einem Bückling vor dem Staat und den Versicherungsgesellschaften gleich. Es ist bekannt, dass die Anlagestrategien der Versicherungen den Interessen der Pensionskassen diametral entgegen laufen und in der Tat auch für die Zukunft keine marktgerechten Erträge erwarten lassen.        top ↑

Der Markt hat seit Einführung des BVG Verzinsungen ermöglicht, die weit über den gesetzlichen Vorgaben liegen. Das Minimalziel, berechnet mit einem technischen Zins von 4 Prozent, wurde

  • mit einem reinen Obligationenportfolio bis Ende 2005 um 13 Prozent,
  • mit einem Mix aus 30 Prozent Aktien und 70 Prozent Obligationen um 48 Prozent
  • und mit einem reinen Aktienportfolio um 137 Prozent übertroffen.

Aus dieser Warte ist eine Senkung der Minimalleistungen absolut unbegründet. Nur Pensionskassen, die ihr Vermögen in Versicherungen investiert haben, können sie (die Minimalleistungen) nicht erreichen und möchten darum den Umwandlungssatz noch weiter senken.

Wer auch die Chancen der Anlagemärkte nutzen und nicht nur ihre Risiken realisieren will, der muss sich wohl oder übel von Versicherungen lösen. Die Kernaussage der Langzeitstudie, dass mit zunehmendem Aktienengagement die Effizienz der Altersvorsorge merklich verbessert werden kann, belegen nachstehende Beispiele:       top ↑

Dem Strassen- und Tiefbauunternehmen Keller-Frei AG in Wallisellen war es 1984 nicht leicht gefallen, die vertraute Versicherungslösung aufzugeben. Heute meint ihr Finanzchef Arno Krucker: «Im Hinblick auf das BVG wurden uns 1984 verschiedene Wege aufgezeigt. Die Argumente für eine autonome Lösung haben sich in der Zwischenzeit als absolut stichhaltig erwiesen, so dass wir unseren damaligen Entscheid nicht nur nicht bereuen, sondern als Glücksfall empfinden.»

Im Schnitt hat die Stiftung seit 1992 eine durchschnittliche Rendite von 7,1 Prozent erwirtschaftet. Sie lag damit gleichauf mit der Sammelstiftung Profond in Rüschlikon, welche seit ihrer Gründung 1991 eine durchschnittliche Performance von 6,8 Prozent erzielte und die Altersguthaben während 15 Jahren im Schnitt über 5 Prozent verzinste.

Dank unabhängigen Sammelstiftungen können heute auch Klein- und Mittelbetriebe an Marktergebnissen teilhaben. Sie müssen sich nicht mit den Erträgen von angeblich risikolosen Anlagen begnügen. Sie werden dennoch kaum die Resultate der Personalvorsorgestiftung der Vorwerk International in Wollerau erreichen. Auch sie hat eine langjährige Versicherungsbeziehung zugunsten einer autonomen Lösung aufgelöst. Dank einer angepassten Anlagestrategie und professionellem In-house-Management war sie in der Lage, seit 1993 die Altersguthaben mit durchschnittlich 7,3 Prozent zu verzinsen. Die laufenden Renten wurden ebenfalls entsprechend erhöht. Damit wurde die von Prognostikern verbreitete Mär, dass die Aktiven die Rentenbezüger subventionieren müssten, durch die Praxis eindrücklich widerlegt.       top ↑

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