Aus der Krise lernen?

Impressum: von André Kohler, Mitglied der Geschäftsleitung der B+B Vorsorge AG, 8800 Thalwil, 1. Oktober 2009

Erfolgreiches, sinnvolles Lernen bringt Lösungen hervor, welche eine Verbesserung der Lage bewirken.

Anspruchsvolle Voraussetzung dafür ist, dass man auch begreift, was einem widerfährt. Dazu muss die problemrelevante und nicht einfach die nächstbeste Realität erkannt sein. Auf diese bezogen ist sodann die Kenntnis einer genügenden Anzahl relevanter Kausalzusammenhänge vonnöten, um Ursachen und Wirkungen zu verstehen.

Lineare Kausalzusammenhänge mit unmittelbaren, drastischen Effekten sind einfach: Der Kontakt mit der Realität «heisse Herdplatte» ist kausal für die verbrannte Handfläche. Der Lerneffekt ist nachhaltig und sprichwörtlich.

Vom wirtschaftenden Menschen geschaffene, soziale Zusammenhänge sind komplex. Damit haben sie zusätzliche Eigenschaften, die der «Herdplatten-Hand-Welt» fehlen. Die anspruchsvollste ist die Rückbezüglichkeit: Die Beschäftigung mit dem Prognoseobjekt bewirkt dessen Veränderung.

Wie wir mit solchen Eigenschaften umgehen, wird wesentlich durch die Funktionsweise unseres Gehirns bestimmt. Diese ist korrekterweise als neurobiologischer Vorgang zu verstehen, bei dem aktiv agierende («reflektive») und instinktiv reagierende («reflexive») Hirnareale zusammenarbeiten.

Das Eingeständnis, primär reflexgesteuert zu sein, fällt dem «modernen» Menschen schwer, hebt er sich doch gerade durch seinen Intellekt vom Rest der Schöpfung ab. Wie die Natur das Vakuum vermeidet, hasst er es, etwas «nicht zu wissen».

Viel lieber ist ihm die Fiktion, alles aufgrund sozial- und naturwissenschaftlicher Fertigkeiten auf möglichst hohem akademischem Niveau durch Zerlegung und Synthese erklären zu können. Damit ist der Keim für die engstirnige Modellierung der Umwelt nach dem Prinzip «was nicht quantifizierbar ist, gibt es nicht» gesät.

Insgesamt steigert diese Optik die ohnehin bereits in der menschlichen Natur verankerte Neigung zur Überschätzung der eigenen Urteilskraft und Prognosefähigkeit ins Groteske. Spiegelbildlich werden die Komplexität von Zusammenhängen und Umsetzungsdetails unterschätzt. Da der investierende Mensch so weder seine eigenen Handlungen, noch diejenigen seiner Mitmenschen verstehen kann, wird er regelmässig von Entwicklungen «überrascht» oder steht staunend vor einem «conundrum» oder «puzzle»

Damit einher geht die Unfähigkeit, Grundsatzirrtümer einzusehen und vor allem einzugestehen. Zu den gravierendsten gehören die Stochastik-basierten, quantitativen Denkhilfen. Sie haben alle Bereiche der Kapitalbetreuung, vom Investment Banking über die Vermögensverwaltung bis zur Konstruktion von Finanzprodukten, samt zugehöriger Beratung und Lehre, durchdrungen.

Die allgemein benutzte Konzeption des Risikos für Finanzanlagen ist geradezu der Paradefall verkannter Realitäten (s.o.). Als hochtoxisches Spaltprodukt etlicher Nobelpreise verstrahlt sie seit Jahrzehnten die Finanztopografie und sorgt spätestens seit dem 19. Oktober 1987 in immer kürzeren Abständen für immer dramatischere Leukämieschübe an den Finanzmärkten.

Zu dieser intellektuellen Verirrung gesellt sich die Tatsache, dass das kurzfristige, kommerzielle Überleben durch gesichtswahrendes Schönreden fehlerhafter Konzepte und Herumwerkeln an krepierten Modellen durch «Erweiterungen» am besten gesichert werden kann, zumal ähnlich triviale, margenwahrende Alternativen nicht in Sicht sind. Da Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden nicht den Hauch einer Chance haben, zum Nutzen der Gemeinschaft präventiv zu agieren, besteht auch hier keinerlei ernsthafter Druck.

Dass es so zu Systemkrisen kommen muss, ist so offensichtlich wie die Tatsache, dass sie sich in dem Masse wiederholen werden, wie die neurobiologische Fundierung von Entscheidungsprozessen in der praktischen Analyse und Problemlösung unberücksichtigt bleibt. Da die Finanzwirtschaft kaum Anreize zu diesbezüglichen Fortschritten hat, lauten die Lehren:

  1. Die nächste Systemkrise ist nicht zu verhindern.
  2. Man sollte sich entsprechend vorsehen. Statt naiv die absolute Krisensicherheit anzustreben, sind Puffer und Sollbruchstellen im System von grosser Bedeutung.
  3. Das Schadenpotenzial künftiger Krisen liesse sich durch die Berücksichtigung relevanter Risiken im Umgang mit Kapital und die sichere und vollständige Entsorgung der beliebten, toxischen Konzeptionen entscheidend reduzieren.
  4. Ethischer Fortschritt ist gefragt. Ohne Werte und Moral können gute Lösungen weder entwickelt noch erhalten werden. Die aktuelle Bonusdebatte grüsst.
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